Dass man mit dem Handy sein eigenes Essen und mehr oder weniger gelungene Selbstportraits machen kann, ist mittlerweile jedem klar. Natürlich hat das Handy auch Einzug in die künstlerische Fotografie gefunden, die unüberschaubare Anzahl an verfügbaren Apps gerade für diesen Zweck ist ein Beispiel dafür.

Aber kann man auch Bilder gestalten, die man sonst nur mit dem „großen“ Equipment zustande bringen würde? Also Bilder die auch versierten Fotografen ein respektvolles Nicken abverlangen? Und vor allem, warum sollte man das tun?

Die Antwort (eigentlich sind es mehrere) ist leicht. Man hat das Handy immer dabei. Es ist ein ausgezeichnetes Instrument um Bildgestaltung zu lernen, da man ein unmittelbares Feedback hat und bei Bedarf sogar die Bildbearbeitung noch vor Ort vornehmen kann. Gerade was das Experimentieren mit Bildaussage und Bildinhalt anbelangt, ist das Handy jedem Tutorial überlegen.

Nur das Handy, sonst nichts!

Ihr habt richtig gehört. Nur das Handy, sonst nichts. Das sonst so heiß geliebte Equipment bleibt zu Hause. Warum das Ganze? Man wird früher oder später mit einer Situation konfrontiert, in der man sich entscheiden muss: Handy oder DSLR. Das kann natürlich jede Art von Kamera sein, aber das hilft uns nicht, unsere Bildgestaltung zu verbessern. Natürlich muss man sich damit abfinden in einigen Momenten den Kürzeren zu ziehen, da man zum Beispiel keine echte Zoomfunktion hat.

Mercedes Museum Handyfotografie

Nokia 1020 | Mercedes Museum Stuttgart | Bildbearbeitung Photoshop

Keine Beschränkung

Zumindest keine Beschränkung was das Thema angeht. Man hat sich ja schon auf eine Kamera beschränkt ohne Wechselobjektiv. Natürlich kann man sich ein Thema aussuchen wie ein Museumsbesuch, das bietet ausreichend Raum für Experimente. Dankbare Themen sind auch Architektur uns Landschaft.

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iPhone | Havanna | Revolutionsmuseum | Bearbeitung iPhone

Lest ein Buch oder auch zwei!

Was hat das jetzt mit der Handyfotografie zu tun wird sich so mancher fragen.

Glaubt mir, das macht Sinn. Eben nicht die üblichen Fotobücher. Zwei seien hier genannt, die in erster Linie so gar nichts mit Fotografie zu tun haben, sehr wohl aber mit dem Thema Gestaltung und Wahrnehmung. Sie helfen euch eure Bilder noch ausgefeilter zu gestalten. Versprochen!

Joseph V. Mascelli / The Five C’s of Cinematography
Marcos Mateu-Mestre / Framed Ink

Es geht um die „Etablierung einer Szene“ oder zum Beispiel um das Arbeiten mit „Negativem Raum“. Hier ein Beispiel für die Bildgestaltung mit Negativem Raum:

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iPhone 5 | Holocaust Denkmal Berlin | Bearbeitung auf dem iPhone

Die Drittelregel

Auch wenn noch so viele Gestaltungshilfsmittel verfügbar sind, wie die Goldene Spirale und der Goldene Schnitt, tut euch den Gefallen und nutzt die Drittelregel. Warum?

Sie ist am einfachsten zu erlernen und man kann sie auch ohne Einblendung von Rasterlinien „verinnerlichen“. Alle anderen Hilfsmittel sind natürlich nicht verkehrt und manchmal sogar noch effektiver, aber man tut sich verdammt schwer sie zu visualisieren. Viele Fotografen brauchen kein eingeblendetes Raster mehr, um genau zu wissen, wie sie ihr Bild zu gestalten haben.

PIXELN!

Ein Trick um eure Bilder im Anschluss an die Fototour gut beurteilen zu können, ist das Bild zu pixeln, grob zu pixeln. Manchmal ist es auch noch hilfreich das Bild zu entsättigen, aber das Pixeln an sich zeigt euch schon mal sehr deutlich auf wo sich eure Hell-Dunkel-Schwerpunkte befinden und ob das Bild eine ausgewogene Komposition aufweist.

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Erzählt eine Geschichte

Hier gilt der gleiche Grundsatz wie in der „normalen“ Fotografie. Wann immer möglich, versucht mit eurem Bild eine Geschichte zu erzählen oder fesselt den Betrachter mit einer außergewöhnlichen Lichtsetzung oder Perspektive. Auch hier gibt es einen einfachen Trick, wie man seine Sichtweise und die Art wie man Bilder gestaltet verbessern kann. Nehmt eines eurer Bilder und versucht es einer (imaginären) Person zu erzählen die blind ist. So einfach wie möglich. Keine Beschreibungen wie „großartiges Bild“ oder „sensationell blauer Himmel“. Sachlich bleiben. Dann bekommt ihr ein hervorragendes Gefühl dafür, was sich überhaupt in euren Bildern abspielt. Das ist zugegebener Maßen ungewohnt, funktioniert aber sehr gut auch, ohne dass man gleich ein professionelles Portfolio Review benötigt.

Keine Gimmicks

Um die besten Bilder zu bekommen benutzt bitte keine In-Camera-Filter. Die reduzieren nur eure eigene Kreativität. Ihr könnt später mit dem Bild machen was ihr wollt, aber benutzt für die Aufnahme bitte nur Apps, die sich allein auf die Kameraparameter beschränken.

Apps: 645Pro, NightCap Pro, Hueless, Provoke, MPro, Ansel, Enlight, Camera+, VSCO

Seid standhaft!

Ihr habt richtig gehört! Hier kurz eine Geschichte, die euch aufzeigt, dass man zwar mit einem Handy im professionellen Umfeld bestehen kann, dafür aber mitleidige Blicke ernten kann.

Vor einiger Zeit hatte ich die Möglichkeit in den Beelitz Heilstätten zu fotografieren. Obwohl ich mein Profiequipment mit dabei hatte, habe ich 90% aller Bilder mit dem iPhone und dem Nokia gemacht. Grund: Ich war einfach viel schneller und flexibler, wie die anderen Jungs mit ihren unhandlichen Stativen und schweren Objektiven. Ich habe eine Fülle von Motiven geschossen und ja, auch diese Bilder eignen sich nicht nur für die Webdarstellung, sondern lassen sich getrost bis 100×80 cm drucken. Und noch wichtiger: Ich habe mich an Orten bewegt, für die ein großes Stativ oder schweres Equipment einfach nicht geeignet waren.

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Bewegt euch!

Im Grunde genommen ist das Handy nichts weiter als eine Kamera mit einer Festbrennweite. Und bitte: Finger weg vom digitalen Zoom. Das ist schon nicht das Gelbe vom Ei bei den „richtigen“ Kameras und schon gar keinen Versuch wert bei einem Handy. Und: PureView von Nokia ist kein echter Zoom, sondern lediglich eine Cropfunktion auf dem Sensor.

Folglich müsst ihr euch bewegen um ein Bild zu gestalten. Hier gilt der alte Grundsatz, wenn du dich bewegst, bist du Teil der Szene. Für das Bild unten musste ich mich durch einen schmalen Spalt zwängen, um die gewünschte Perspektive einnehmen zu können. Anders hätte ich das Bild nicht aufnehmen können.

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Nokia 808 | Busbahnhof Münchner Freiheit | Bearbeitung in Photoshop

Regeln brechen

Das Handy ist nicht nur eine Kamera und ein tragbares Fotolabor, es ist auch ein Forschungs- und Entwicklungszentrum. Das schreit natürlich förmlich nach Experimentieren und Versuchen. Und es gibt auch Apps, die weit davon entfernt sind reine Spaßprodukte zu sein.

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iPhone 4 | Holland | Leuchtturm

Benutzt ein Stativ

Es gibt in der Tat keinen Grund mehr, nur aus der Hand zu fotografieren. Einige Foto-Apps haben einen Stabilizer, andere nicht. Aber es gibt Apps, wie NightCap Pro (auch gut tagsüber anwendbar!) oder HDRpro, die zwar die Benutzung ohne Stativ erlauben, aber mit Stativ einfach bessere Ergebnisse erzielen. Ebenso sind Apps wie Slow Shutter nur sinnvoll mit einem Stativ verwendbar. Es sind viele Adapter verfügbar, die sich auf alle gängigen Stativköpfe schrauben lassen.

Nicht mit dem Profi-Equipment vergleichen

Bitte vergleicht die fertigen Bilder nicht mit eurem professionellen Equipment. Das ist, wie Äpfel mir Birnen zu vergleichen. Beide Techniken haben ihre Vor- und Nachteile. Jede für sich gesehen, stellt eine eigenständige Kunstrichtung dar und muss nicht verglichen werden.

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Nokia 808 | BMW Welt München | Bearbeitung in Photoshop

Scheut das Studio nicht

Natürlich, die Handyoptik ist nicht für die Portaitfotografie gemacht, aber das soll euch nicht davon abhalten außergewöhnliche Studiobilder zu machen. Probiert es aus. Ab einem gewissen Punkt (Abstand) ist der Weitwinkeleffekt nicht mehr omnipräsent und ein Portrait oder Halbportrait ist sehr gut möglich. Die meisten meiner Studiobilder sind aus diesem Grund mit dem Nokia entstanden, einfach weil die Auflösung höher ist und ich die Bilder so ohne Probleme beschneiden kann.

Ebenso nutze ich alle Dauerlichter im Studio, denn sie sind geradezu prädestiniert um mit dem Handy zu arbeiten. Ihr seht unmittelbar welche Lichter in welcher Art und Weise mit dem Model interagieren und ihr könnt das ganze fein justieren. Die meisten Portaitbilder sind in Photoshop auf dem PC bearbeitet worden. Benutzt habe ich LED-Flächenleuchten und Ringleuchten. Im Grunde genommen könnt ihr aber jede Art von Dauerlicht verwenden (auch das Einstelllicht eines Studioblitzes).

Mittlerweile gibt es aber auch schon sehr leistungsfähige Retuscheprogramme (FaceTune, YouCam Perfect) mit denen man auf dem Handy oder Tablet professionell arbeiten kann. Natürlich ist es für ein Model ungewohnt, wenn ihr nicht euer übliches Handwerkzeugs auffahrt. Ich mache Handybilder in der Regel während des regulären Shootings, dann sind die Modelle schon im „Flow“ und sind nicht argwöhnisch, wenn ein Handy vor ihnen auftaucht. Wenn ich später dann die entstandenen Bilder zeige, sind die meisten sehr angetan und verblüfft.

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Links und Mitte: Nokia 1020 | Ringleicht | Photoshop; Rechts: iPhone 6 | LED Flächenleuchte | Bearbeitung iPhone